Ist Pilgern Fasten?

Warum Verzicht Deinen Camino reich macht

Worauf freust Du Dich nach Deinem Camino am meisten?
Oder, wenn Du schon einmal auf dem Camino warst: Was hat Dir am meisten gefehlt? Hund, Katze, Maus? Deine Oma? Dein Bett?

Bei mir ist es meine Küche: Aufwändig kochen, mit frischen Zutaten.
Meine Katze. Spätestens nach einer Woche habe ich Katzenentzug.
Autofahren. Musik. Frisch gewaschene Klamotten. Filme gucken.
Und Internet, bis die Augen bluten.

Vor ein paar Tagen schrieb ich in mein Tagebuch: „Auf dem Camino soll es spürbar anders sein als zu Hause. Ich will verzichten.“ Dabei ging es um die Frage, ob ich auf den Camino mein Smartphone mitnehme. Es hat sehr viele praktische Funktionen und ich will es zu Hause nicht missen. Oder vielleicht doch? Denn es ist auch ein verlockender kleiner Quälgeist. Jedes Ping verführt mich, draufzugucken. Und ich brauche nicht einmal ein Ping. Auch so denke ich viele Male am Tag, guck doch mal aufs Handy, vielleicht gibt’s was Neues. Das will ich nicht. Schon gar nicht auf dem Camino! Da will ich nicht im Internet sein, nicht bei Google, Facebook oder Whatsapp, sondern nur auf meinem Weg. Deshalb bleibt das iPhone zu Hause.

Wer seine ganze Habe auf dem Rücken trägt, achtet spätestens dann auf das Gewicht, wenn der Rucksack drückt und die Reise beschwerlich wird – und wirft Ballast ab. Andere beschränken sich schon bei der Planung. Jeder macht hier seine eigenen Erfahrungen. Ich bin auf den ersten Camino mit 12 Kilo Rucksackgewicht gestartet. Das war anstrengend, und schon in Roncesvalles habe ich mich von ein paar überflüssigen Dingen getrennt. Alles bis 10 Kilo finde ich angenehm, damit kann ich gut laufen.

10 Kilo. Das ist nicht viel Spielraum. Neben dem Allernotwendigsten wie Kleidung und Waschzeug wird es Dinge geben, die Du nicht unbedingt brauchst – und die es trotzdem in Deinen Rucksack schaffen. Ein paar Teebeutel. Ein Plüschtier. Einen Talisman. Bei mir: Meine verdammte, anderthalb Kilo schwere Kamera. Das war es dann aber auch schon. Vieles, was im Alltag das Leben vereinfacht oder einfach selbstverständlich ist, bleibt zu Hause.

Und das ist auch gut so!

Für manche ist der Camino spirituelle Reise, für andere „nur“ eine sportliche Herausforderung. Er ist aber immer auch eine Gelegenheit, für ein paar Wochen einfach zu leben. Bescheidenheit zu üben. Sich mit dem zufrieden zu geben, was da ist. Das ist eine wertvolle Erfahrung: Zu erleben, mit wie wenig ich auskomme und was ich alles nicht brauche, lehrt mich Flexibilität. Ich kann mich umstellen, ich kann mich auf „wenig“ einstellen, wenn es nötig ist. Und das schenkt mir ein kostbares Freiheitsgefühl! Auch wenn ganz viele „Dinge“ wegfallen, bin ich immer noch ich und mein Leben ist noch mein Leben. Ein kraftvoller, mutmachender Gedanke.

Der Camino ist meine Auszeit. Ich drücke die Stoptaste: Alltag hat jetzt Pause. Die Kunden bekommen eine Abwesenheitsmeldung, und Freunde und Familie wissen, dass sie sich mit ein paar wenigen SMS und einer wöchentlichen E-Mail zufriedengeben müssen. Ich bin dann mal weg. Und das bedeutet für mich auch: Weg vom Alltäglichen! Ich möchte auf dem Camino gar nicht den Komfort, den ich zu Hause habe. Und auch auf viele Gewohnheiten, ob gut oder schlecht, möchte ich auf dem Camino verzichten: Die Lieblingsserie beim ersten Kaffee. Die vielen Kontakte per Whatsapp. Schnell mal Facebook checken. Und abends vor dem Schlafengehen noch ‘ne Runde Hay Day. Shoppen gehen. Essen gehen.

Es soll anders sein als zu Hause. Ich möchte merken, dass ich gerade ein Abenteuer erlebe, dass ich „raus“ bin. Auf dem Camino möchte ich nicht im Autopilot-Modus leben. Der Verzicht auf Gewohnheiten schafft Bewusstheit. Und plötzlich – und da sind wir wieder bei einem der vielen Camino-Wunder – fühlt sich das Leben wieder ganz frisch an. Als hätte jemand im Bildbearbeitungsprogramm Sättigung und Kontrast hochgezogen. Das bewirkt die Bewusstheit – und der Verzicht auf bequeme Gewohnheiten. Wer das Hier und Jetzt spüren will, muss ganz da sein.

Um noch mal auf die Anfangsfrage zurückzukommen: Ist Pilgern Fasten? Ich finde, es gibt viele Parallelen: Auch auf dem Camino entscheidest Du Dich für eine begrenzte Zeit, etwas anders zu machen. Du entscheidest Dich fürs Weglassen:

  • Weglassen von ganz konkreten Gegenständen wie Smartphone, Fernseher, Bett oder Deiner geliebten Teflonpfanne.
  • Weglassen von Gewohnheiten, die Dein Leben im Alltag geradezu automatisieren:
    Die tägliche Kaffeepause morgens um 11 mit den Kollegen und den immer gleichen Gesprächen. Der immer gleiche Weg zur Arbeit. Dein Lieblingsessen, Dein Lieblingsitaliener, Deine Lieblingsserie.
  • Und Weglassen von Komfort:
    Wenn ich den Camino betrete, entscheide ich mich dafür, 10 Kilo auf dem Rücken durch die Gegend zu schleppen. Ich entscheide mich dafür, jeden Abend meine stinkenden Socken zu waschen, manchmal von trockenem Brot und Käse zu leben und den Luxus meiner Privatsphäre weitgehend aufzugeben. Und, ach ja, fast hätte ich es vergessen: Auf dem Camino sein bedeutet auch, das Auto mal stehen zu lassen und zu Fuß zu gehen 🙂

Das ist ganz schön viel Verzicht. Aber da der Camino Dich nie im Regen stehen lässt, bekommst Du dafür auch ganz schön viel zurück: Ein frisches, blank geputztes Lebensgefühl. Stolz, wenn Du es geschafft hast. Das Wissen, dass Du mit Wenigem auskommst. Leichtigkeit und ein herrliches Freiheitsgefühl. Und die Wahnsinnsvorfreude darauf, all diese Dinge nach dem Camino wiederzusehen: Die Oma. Die Katze. Und die Spülmaschine!

Also – Butter bei die Fische:
Worauf möchtest Du bei Deinem nächsten Camino bewusst verzichten?
Auf die liebe Technik? Auf ständiges Chatten und Fotos verschicken? Auf die Sicherheit, mit GPS unterwegs zu sein? Auf Make-up? Deinen Rasierer? Auf Starbucks? Auf Schnelligkeit? Auf Kontrolle? Auf Ehrgeiz?

Ich bin gespannt auf Deinen Kommentar!
Lass mich wissen, was Du über diese ganze Weglasserei denkst. Welcher Verzicht auf dem Camino fällt Dir besonders schwer? Und an welchem Punkt ist es für Dich leichter? Kannst Du das einfache Leben auf dem Camino genauso genießen wie ich? Deine Meinung interessiert mich.

Buen Camino & alles Liebe,
Stefka

Ein Gedanke zu „Ist Pilgern Fasten?

Warum Verzicht Deinen Camino reich macht“

  1. Bert Teklenborg sagt:

    …Freunde und Familie wissen, dass sie sich mit ein paar wenigen SMS und einer wöchentlichen E-Mail zufriedengeben müssen…- Weglassen von ganz konkreten Gegenständen wie Smartphone.. Zitat Ende.
    Wie geht das zusammen? Auf meinem ersten „Jakobsweg“ gabs zwar Handys, aber ich habe bewußt darauf verzichtet. Ebenso auf die „Etappenplanung“ – wenn ich morgens losging, wußte ich nicht, wo ich abends lande. Das führte dann regelmäßig zu folgenden Situationen: “Es dämmert bereits, als ich in einem Dorf ankomme; das einzige Gasthaus ist geschlossen, und so frage ich die am Brunnen spielenden Kinder, ob sich vielleicht eine andere Möglichkeit zum Schlafen anbietet. Sie wollen ihre Eltern fragen und beeilen sich; der erste, der zurück ist, überbringt die Einladung seiner Familie, zu ihnen zu kommen. Sie führen mich zu einem winzigen Bauernhaus, wo gerade geschlachtet wurde. Die Wannen mit Fleisch und Würsten stehen noch auf dem Boden der Küche; auf dem Tisch liegen blutige Schlachtutensilien, in der Ecke läuft ein Fernseher – ich sehe, es ist ein Horrorfilm aus den Pariser Katakomben.
    Jetzt fehlt nur noch, daß die Türe aufgeht, der Metzger reinkommt und das Messer wetzt, denke ich, da wird sie einen Spaltbreit geöffnet und eine Frau schaut neugierig herein – sie könnte Quasimodos Schwester sein. Ich will nicht behaupten, daß mich das alles völlig kalt läßt, doch ich vertraue darauf, daß Pilger unter einem besonderen Schutz des Himmels stehen.”
    Steht alles in meinem „Jakobsweg der Freude“ – mit dem (angebl.) auch der „Ich bin dann mal weg“ unterwegs war.

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