Das grosse Muffensausen

– über die Ängste vor dem Aufbruch

Kennst Du das? Du hast Dich auf Deinen Camino gefreut. Alles ist vorbereitet. Der Rucksack ist gepackt. Eigentlich solltest Du jetzt ganz ruhig werden. Stattdessen:

Zack, Peng!
Muffensausen!

Ob Du das kennst, war natürlich eine rhetorische Frage. Ich glaub, dieses komische Gefühl vor dem Aufbruch kennen alle Pilger, wenn sie nicht gerade der Chuck Norris des Jakobswegs sind.

Mein Lieblingspsychologe hat mir mal gesagt, dass das ein ganz typisches Phänomen ist. Du planst ein anständiges Abenteuer, willst es Dir mal so richtig saugut gehen lassen. Das klappt eine Weile, aber irgendwann sagt Dein Verstand: Jetzt reicht’s . Aaaaaangst!!! Denn der ist, noch aus Steinzeitzeiten, auf Sicherheit erpicht. Und alles, was ein bisschen aus dem Rahmen fällt, ruft ihn auf den Plan, um Dir zu sagen: „Alter, das ist jetzt aber wirklich ein bisschen fett, was du da vorhast. Mach mal langsam.“ Den kleinen Panikanfall vor dem Abenteuer nehme ich inzwischen als Zeichen dafür, dass ich alles richtig mache. Klar könnte ich die Panik vor dem Aufbruch vermeiden. Indem ich das Abenteuer vermeide. Aber das steht nicht zur Diskussion!

Im Folgenden erzähle ich Dir was über meine Ängste vor Aufbruch auf den Jakobsweg. Mal sehen, ob Du Dich irgendwo wiedererkennst 🙂
Und natürlich erzähle ich Dir auch, was meine Erfahrungen zu den häufigsten Angst-Themen sind: Ist die Panik berechtigt? Und was tun, wenn sie zuschlägt?

Angst Nummer 1:
Ich lerne niemand kennen und werde vereinsamen. Es wird schrecklich.
Da ich selbst eher schüchtern und introvertiert bin, kenne ich diese Angst sehr gut. Und auf meinem ersten Jakobsweg, 2004, war es tatsächlich so, dass ich bis Burgos mehr oder weniger allein unterwegs war. Und dann: Ertönte plötzlich neben mir am Empfang der Herberge ein freundliches sächsisches Hallö. Und das war der Beginn einer wunderbaren Pilgerfreundschaft mit Katrin und Yvonne aus Leipzig, die bis zur Abreise der beiden in Leon hielt.
Auf dem Camino hat alles einen Sinn. Es gibt Zeiten, in denen Du allein bist, es gibt Zeiten, in denen Du Freundschaften knüpfst, und es gibt Zeiten, in denen Dich nur vereinzelte Gespräche, eine hilfsbereite Geste oder ein nettes „Buen Camino“ mit anderen verbinden. Geniesse jede Begegnung, und warte nicht auf ein Camino-Wunder, das Dich aus Deiner Einsamkeit erlöst. Sei lieber selbst eins, indem Du hilfsbereit und aufmerksam auf andere zugehst.

Angst Nummer 2:
Ich bin so unsportlich. Ich schaffe vielleicht noch nicht mal 10 km am Tag. Im schlimmsten Fall bleibe ich irgendwo auf halber Strecke stecken und muss mit dem Krankenwagen abgeholt werden. Es wird schrecklich.
Okay, wenn Du immer eine Eins in Sport hattest, kennst Du diese Angst vielleicht nicht. Aber Pilgern oder Fernwandern fordert andere körperliche Fähigkeiten als andere Sportarten, deshalb kann es schon sein, dass Du eine Überraschung erlebst –̣ das kann übrigens auch eine positive sein! Fang einfach mit kurzen Etappen an, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie sich eine bestimmte Strecke im Körper anfühlt. Wenn es keine 10 km sind, probier erstmal 5 oder 7. Wie lange brauchst Du dafür? Wie sehr tun Dir danach die Knochen weh? Hast Du das Gefühl, noch weiterlaufen zu können? Taste Dich langsam an Deine Grenzen heran, anstatt sie gleich am ersten Tag zu übertreten. Und mach langsam. Mach langsam. Mach langsam. (Das kann ich gar nicht oft genug wiederholen.) Und übrigens: Au contraire zu dem, was andere sagen, ist es völlig schnuppe, wie viele km am Tag Du schaffst. Das ist ganz allein Deine Sache.

Angst Nummer 3:
Ich werde krank werden. Meine Knie halten nicht durch. Meine Hüften werden wehtun. Ich werde schröckliche Schulterschmerzen haben und den Camino abbrechen müssen. Es wird schrecklich.
Ok, hier die schlechte Nachricht: Es wird wehtun. In Deinen Füßen, Deinen Schultern, Deinen Hüften. Ich habe sogar schon von Leuten gehoert, die Muskelkater im Hintern hatten! Du wirst Dich abends ins Bett legen und den Weg in jeder Faser Deines Körpers spueren. Und beim Aufstehen wirst Du Dich fühlen, als habe Dich ein LKW überfahren.
Die gute Nachricht: Du wirst es lieben. Du wirst trotzdem weiterlaufen. Und es wird besser werden. Wenn Du meine Tipps im vorigen Absatz beherzigst (mach langsam!), schaffst Du Deinen Camino wahrscheinlich ohne größere Überlastungserscheinungen. Das ist schon mal die halbe Miete. Jetzt musst Du nur noch aufpassen, dass Du keinen Abhang runterpurzelst, Dir nicht mit Deinem neuen Messer in den Finger schneidest, Dich nicht fies erkältest oder Dir Magen-Darm einfängst. Hatte ich alles schon. Abbrechen musste ich deshalb noch nie.
(Was nicht heißt, dass es auf dem Camino NIE zu ernsthaften gesundheitlichen Problemen kommen kann. Die kann es geben – auf dem Camino genauso wie im richtigen Leben. Aber indem Du gut auf Dich aufpasst, senkst Du die Wahrscheinlichkeit, dass Du diejenige bist, die sie bekommt.)

Angst Nummer 4 (mein persönlicher Favorit!):
Ich werde schnarchen. Und alle werden mich hassen. Es wird schrecklich.
Au Backe. Auch ich wollte schon Schnarcher mit meinen Schuhen bewerfen. (Weniger Sympathie als Schnarcher bekommen von mir nur noch die Damen, die bei 43 Grad Hitze im Schlafsaal das Fenster schliessen, „weil es zieht“.)
Diese lautstarke Spezies kann Dir die ganze Nacht versauen. Aber was, wenn Du selbst der Schnarcher bist? Wenn Du wirklich weißt, dass Du schnarchst, kannst Du in einigen Herbergen nach dem Schlafsaal fuer Schnarcher, dem „Dormitorio para Roncadores“ fragen. Pack Dir Ohropax ein, damit Du dort auch selber schlafen kannst. Oder Du suchst Dir ein stilles, abseits gelegenes Plaetzchen, wo Du keinen störst. Oder Du kaufst Dir ein Zelt. Wenn Du trotzdem mit anderen in einem Schlafsaal landest (und das wird passieren!), vermeide alles, was Dein Schnarchen fördert: Schlaf nicht auf dem Rücken. Iss abends nicht zu reichlich. Lass den Wein weg. Und hol Dir auf keinen Fall einen Schnupfen!
Wenn alles nix hilft: Tu das, was bei peinlichen Sachen oft das Beste ist – geh offen damit um. Entschuldige Dich im Vorhinein bei Deinen Zimmergenossen, verteile Ohropax – und bereite Dich darauf vor, trotzdem mit Schuhen beworfen zu werden.
Kleiner Trost für Dich: Sogar Meredith Grey aus „Greys Anatomy“ schnarcht. Und die meisten Leute finden sie trotzdem entzueckend.
Kleiner Trost Nummer zwei: Der Camino besteht nicht nur aus Nächten. Und wenn Du tagsüber ein halbwegs verträglicher, angenehmer Zeitgenosse bist, werden Sie Dir das Gesäge schon verzeihen.

Angst Nummer 5:
Ich werde Heimweh haben. Nach meiner Familie. Nach meinen Freunden, nach meiner Katze. Nach Schatzi. Es wird schrecklich.
Ja, das wirst Du. Und das ist auch gut so. Denn es bedeutet, dass Du zu Hause etwas zurückgelassen hast, was Du liebst. Und für das es sich lohnt, heimzukommen. NACH dem Camino. Auch, wenn es schwer fällt: Entscheide Dich, für die Dauer des Camino ganz hier zu sein. Geniesse die Zeit mit Dir selbst, mit den anderen Pilgern, mit der Natur. Geh Deinen Camino, und gönn Dir, hier im Moment anzukommen. Wenn für Dich dazu gehört, jeden Abend bei Schatzi anzurufen, ist das o.k. Wenn es für Dich leichter ist, eine Nachrichtensperre zu verhängen, weil Du bei jedem Telefonat heulst wie ein Schlosshund, ist das genauso o.k.
Meine Strategie: Ich krähe vor dem Camino grossspurig, dass ich nicht schreiben und nur wenig telefonieren will. Ich lasse sogar mein Smartphone zu Hause, um mich ganz auf den Weg zu konzentrieren. Auf dem Camino habe ich dann schreckliche Sehnsucht und bin ständig auf der Suche nach einem Computer oder einem Internetcafe, um E-Mails oder Facebook-Nachrichten zu schreiben. Das geht ungefähr 2 Wochen so. Danach bin ich dann endlich wirklich im Caminoleben angekommen. (Diese Strategie ist nicht gerade sehr ausgefeilt. Aber vielleicht gibt es auch nicht für alles eine tolle Strategie.)
Mein Rat für Dich, wenn Du großes Heimweh hast: Gib Dir Zeit zum Ankommen. Das dauert. Und wenn Du das Gefühl hast, das Heimweh ist kaum auszuhalten, denk daran, dass alles vorbei geht. Das Heimweh. Und sogar Deine Zeit auf dem Weg. Und vielleicht, ganz vielleicht… hast Du danach ja sogar ein wenig Heimweh nach dem Camino. Dann weisst Du, dass alles gut war.

Das waren sie erstmal, meine Ängste vor dem Aufbruch. Da jeder Mensch anders ist, gibt es sicher viele Befürchtungen, die ich noch nicht angesprochen habe. Wovor fürchtest Du Dich? Was sollte ich unbedingt noch in diesen Artikel mit aufnehmen? Ich freue mich auf Deinen Kommentar!

Buen Camino und alles Liebe,
Stefka

 

 

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