Hallo. Ich bin Stefka, und ich bin Caminoholic.

Ich arbeite seit vielen Jahren als freie Werbetexterin. Aber noch viel lieber lasse ich mich morgens um 5.30 in einem stickigen Schlafsaal vom Handywecker einer portugiesischen Radfahrergruppe wecken, packe nach einer hunderte von Malen geübten Reihenfolge meinen Rucksack und trete gegen 6:30 hinaus in die kühle Morgenluft, einen weiteren köstlichen Tag auf dem Camino vor mir.

Während ich mir beim Werbetexten oft die Haare raufe und mir vorkomme, als sei ich der erste und einzige Mensch auf der Welt, der sich jemals eine neue Idee ausdenken musste, weiß ich eins felsenfest: Pilgern kann ich.

Was das bedeutet? Ich kann einen Fuß vor den anderen setzen. Einen Rucksack so packen, dass er nicht zu schwer ist und gut auf dem Rücken sitzt. Mich vor Sonne, Fußblasen und Überanstrengung schützen. Tagesstrecken so planen, dass sie nicht zu kurz und nicht zu lang für mich und meine Kondition sind. (Klingt doof, ist aber wichtig. Es sei denn, man möchte Tendinitis, Blutblasen am Fuß oder einen Nervenzusammenbruch.)

Und vor allem – und das macht für mich Pilgern aus:
Ich kann auf dem Camino die Dinge hinnehmen, wie sie sind. Ich finde auch dann zur Ruhe, wenn ich den Schlafsaal mit vielen fremden Menschen teilen muss. Ist die Dusche kalt, dusche ich kalt. Habe ich meinen Wanderstock vergessen, gehe ich die verdammten 3 km zurück und hole ihn. Sind es 10 km, suche ich mir einen Neuen. Habe ich nur noch ein Stück trockenes Baguette und drei Handvoll Studentenfutter im Rucksack, gibt es halt Baguette mit Studentenfutter.

Das ist das Eine. Es wäre aber blasphemisch, zu behaupten, ich wäre immer die Gelassenheit in Person, die für jedes Problem eine Lösung parat hat. Oh nein. Auch ich habe schon heulend am Fuß einer langen Steigung gesessen und beschlossen, dass ich diesen Kack-Berg ganz bestimmt nicht rauflaufe – bis ich es irgendwann halt doch getan habe.

Was ich aber auf all meinen Jakobswegen (bisher 5 an der Zahl) gelernt habe: Es gibt wirklich immer eine Lösung. Turnhallen werden aufgeschlossen, wenn die Herberge voll ist. Brote, Brunnen und Mitfahrgelegenheiten tauchen genau dann auf, wenn Du sie brauchst. Bist Du gestürzt, eilen Mitpilger aus vielerlei Ländern zur Hilfe herbei. Sonnencreme und Muskelsalbe werden ebenso pilgerschwesterlich geteilt wie das gerade ausgelesene Buch.

Wie kann man dieses herrliche Friedens- und Freiheitsgefühl auf dem Camino in Worte fassen? Vielleicht am besten mit zwei Sätzen von Hilde Domin:

„Ich setzte den Fuß in die Luft
und sie trug.“

Den Fuß in die Luft gesetzt habe ich 2004 zum ersten Mal – auf dem Camino Frances von St. Jean Pied de Port nach Santiago de Compostela.

Danach 2005, in einem heißen Sommer, von Burgos nach Santiago.

Dann 2006 – drei wunderbare Monate lang war ich auf der Via Podiensis von Le Puy en Velay nach Santiago de Compostela unterwegs.

Und 2011 – da bin ich noch mal von St. Jean Pied de Port nach Santiago gepilgert, diesmal im Herbst.

Zuletzt war ich im September  2017 auf dem Camino. Ich in Roncesvalles losgelaufen und habe es in ca. 3 Wochen mit nach Burgos geschafft. Wie beschwerlich der letzte Camino für mich war, woran das lag und warum ich ihn trotzdem nicht missen möchte,  kannst Du hier nachlesen.